Was mich ja wirklich wundert ist, dass sich niemand öffentlich zu dieser Tatsache äussert. Will man in der ISKCON nichts davon wissen?


Antwort:

Dass sich zur Zeit niemand über den besonderen Segen des Chantens von Nityananda-Gauranga (auf Japa) äussert, kann auch ein Zeichen dafür sein, dass man sich dies gut durch Kopf und Herz gehen lässt. Und das ist auch wichtig! Denn spirituelle Erkenntnisse - besonders wenn sie uns ganz überraschend treffen - können sich sehr unterschiedlich auswirken:

- Man kann äusserst euphorisch und begeistert werden.
Erkenntnis begeistert. Das wird durch die praktische Anwendung der Einsichten/Erkenntnisse noch gesteigert. Die theoretische Einsicht wandelt sich durch die Praxis in erlebtes Wissen (von jnana zu vijnana). Hierin liegt eine enorme Kraft. Niemand wird in der Lage sein, jemandem diese Erfahrung auszureden, da sie - wenn man will - immer wiederholbar ist, bis zum ständigen ununterbrochenen Erleben (durch konstante Erinnerung an die heiligen Namen Nityanandas und Gaurangas).

- Man kann von Zweifeln und Ängsten erfüllt werden.
Die Ursache dafür ist meist mehrschichtig. Zwei Gründe möchte ich nachfolgend näher betrachten:
1) Sorge, der geistige Meister selbst hätte etwas wichtiges verpasst seinen Schülern mitzuteilen oder ihm selbst würde diese Erkenntnis fehlen, da er "nur" auf Krishna fixiert ist.
2) Die Angst sich einzugestehen, dass man selbst nach 5, 10 oder 20 Jahren Krishna-Bewusstsein, immer noch weit weg vom Ziel ist, nämlich Prema zu erlangen, ekstatische Liebe zu Gott.
3) Die Furcht, den Status innerhalb der institutionellen Strukturen zu verlieren.

Zu Punkt 1:
Die Qualität eines Vaishnava-Guru wird nicht allein von seinem Wissen, sondern von seiner eigenen Hingabe und Liebe zu einer bestimmten Gestalt Gottes definiert. Selbst ein Analphabet kann der beste Guru sein, voller Liebe zum Herrn.
Erinnern wir uns an die Aussage von Shrila Raghunatha Dasa Goswami (Jaiva Dharma): "Seelen, die während ihres sadhana nur Shri Gauranga verehren, gehen zur Zeit der Vollkommenheit zu Shri Gaurangas Aufenthaltsort und dienen Ihm dort. Seelen, die während ihres sadhana nur Shri Krishna verehren, gehen zur Zeit der Vollkommenheit zu Shri Krishnas Aufenthaltsort und dienen Ihm dort. Seelen, die während ihres sadhana beide, Shri Krishna und Shri Gauranga, verehren, erlangen zur Zeit ihrer Vollkommenheit zwei Formen und sie gehen zu beiden Orten, dem Aufenthalstort von Shri Krishna und Shri Gauranga, und in den zwei Formen dienen sie beiden höchsten Herren gleichzeitig an beiden Orten." Und Weiter: " Jemand mag Shri Gaura durch das Chanten von Krishna-mantras verehren, oder zum gleichen Zweck mag jemand Shri Krishna mit dem Chanten von Gaura-mantras verehren. Sie sind alle gleich. Jeder, der denkt, Shri Krishna und Shri Gaura seien verschieden, ist ein Dummkopf. Er ist ein Diener des Kali-yuga."

Shrila Prabhupada schreibt: "[...] Da aber für Vaisnavas zwischen Shri Caitanya Mahaprabhu und Radha-Krishna kein Unterschied besteht (sri-krsna-caitanya radha-krsna nahe anya), befindet sich jemand, der den Mantra «Gauranga», und jemand, der die Namen von «Radha und Krishna» chantet, auf der gleichen Ebene." (Cc Antya 2.31 Erl.)

Genauso wie es ein Vergehen ist, zwischen Shri Krishna und Shri Gauranga einen Unterschied zu sehen, ist es ein Vergehen, einen Guru als unqualifiziert zu betrachten, weil dieser in erster Linie auf Shri Krishna fixiert ist oder umgekehrt, einen Guru zu beleidigen, weil dieser unsere Aufmerksamkeit insbesonders auf Shri Gauranga und Shri Nityananda lenkt.
Ein echter Guru, der sich insbesondere von Shri Krishna angezogen fühlt, wird sich dennoch immer darüber bewusst sein, dass zwischen Shri Gauranga und Shri Shri Radha-Krishna nicht der geringste Unterschied besteht. Wenn er sieht, dass ein Schüler eine besondere Anziehung zu Nityananda und Gauranga entwickelt, wird er sich natürlicherweise glücklich fühlen und vielleicht an Shrila Narottama Dasa Thakura denken, wie er von Shrila Prabhupada in einer Klasse zitiert wird (Shrimad Bhagavatam Klasse 2.1.2, Vrindavana, 17. März 1974):

"Dann, wie Narottama dasa Thakura sagt, grhe va banete thake ha gauranga bole dake. Ha gauranga, ‘Immer Nitai-Gaura chantend und über Nitai-Gaura nachdenkend', solch eine Person, sagt Narottama dasa Thakura... Grhe va... ‘Sei er ein Sannyasi oder sei er ein Grhastha; es spielt keine Rolle, weil er in Gedanken an Nitai-Gaura versunken ist.' So narottama mage tanra sanga: ‘Narottama wünscht sich immer die Gemeinschaft mit einer solchen Person'."

Ein Schüler, dessen Meister voller Liebe zu Shri Krishna ist, darf also mit ruhigem Herzen stolz auf seinen Meister sein und kann ihn von ganzem Herzen verehren und ihm sein Vertrauen schenken. Selbst wenn sich der Schüler im Laufe der Zeit zur Verehrung von Nityananda und Gauranga und zum Chanten Ihrer Namen angezogen fühlt und deren Wichtigkeit erkennt, braucht sich der Schüler keine Sorgen über die Qualifikation seines Guru zu machen, da es immer reine Gottgeweihte geben wird, die ihre Liebe nur Radha-Krishna, nur Nitai-Gauranga oder gar beiden gleichzeitig schenken wollen. Der lebendige Geschmack der Gottesliebe (prema-rasa) ist Qualifikation genug. Ob dieser Geschmack in Beziehung zu Radha-Krishna oder Nityananda-Gauranga erfahren wird, ist letztlich bedeutungslos, betreffend der Qualifikation des Guru.

Überdenkenswert und sehr bedauerlich wäre erst eine Situation, wo der Guru die Verehrung Shri Nityanandas und Shri Gaurangas und das Chanten Ihrer Namen explizit verbieten würde. In diesem Falle müsste die innere Verwirklichung und das Shastra-Verständnis des "Guru" über Krishna- und Gauranga-tattva ernsthaft bezweifelt werden.
Das wäre eine äusserst traurige Situation, die niemandem zu wünschen ist.

Zu Punkt 2:
Es ist bestimmt nicht leicht, sich nach vielen Jahren des sadhana in der Krishna-bhakti einzugestehen, dass man immer noch keine Krishna-prema oder zumindest einen Geschmack (und Anhaftung) beim Japa-Chanten von Shri Krishnas Namen hat und dies eher aus Pflicht als aus Freude am Chanten weiter praktiziert. Aber was sind 10 oder 20 Jahre Chanten? Man kann viele viele Lebensläufe mit Hare-Krishna-Chanten verbringen, doch wenn man immer noch Vergehen macht, wird man keine Krishna-prema erlangen. Die Shastras warnen uns vor Vergehen:

Beim Chanten des heiligen Namens Krishnas ist auf Vergehen zu achten. Daher gerät jemand, der Vergehen begeht, nicht in Ekstase, wenn er Krishnas Namen chantet.
(Cc I,8.24)

Jeder, der Krishnas Name chantet, löscht sein sündhaftes Leben aus, und so wird reine Bhakti, welche die Ursache der Liebe zu Krishna ist, offenbar.
(Cc I,8.26)

Wenn die Liebe zu Shri Krishna tatsächlich erweckt ist, verursacht sie Veränderungen im Körper wie Schweißausbruch, Zittern, Herzklopfen, Versagen der Stimme und Tränen in den Augen.
(Cc I,8.27)

Ohne harte Arbeit beendet man durch Dienst zu Shri Krishna den Kreislauf von Geburt und Tod. Wer Krishnas Namen chantet, wird als Folge davon all diese Reichtümer [die auch in den vorangegangenen Versen erwähnt sind] erlangen.
( Cc I,8.28 )

Wenn man den erhabenen heiligen Namen des Herrn immer wieder chantet und sich dennoch seine Liebe zum Höchsten nicht entwickelt und keine Tränen in den Augen erscheinen, ist es offensichtlich, daß wegen der Vergehen beim Chanten der Same von Krishnas heiligem Namen nicht sprießt.
(Cc I,8.29-3O)


Daher benötigen jene, die Vergehen machen, voller Anarthas sind und immer noch materielle Wünsche hegen, die Hilfe der heiligen Namen von Nityananda und Gauranga.
Wer die Namen Krishnas verehrt, sucht im Grunde nach Krishna-prema, der höchsten Segnung, die der heilige Name schenken kann. Aber warum lassen wir nicht Krishna-prema nach uns suchen? "Gute Idee" könnte man einwenden, "aber weshalb sollte Krishna-prema nach uns suchen?" Die Antwort darauf gibt uns Shrila Bhaktivinoda Thakura im 1. Kapitel des Shri Navadvipa Dhama Mahatmya:

nitai-caitanya bali yei jiva dake;
suvimala krsna-prema anvesaye thake

"Wenn jemand die Namen von Nityananda und Gauranga ausruft, kommt Krishna-prema (die reine Liebe zu Krishna) persönlich, um nach solch einer Person zu suchen."

 

tumi yabe kara daya sei anayase; sri caitanya-pada paya prema-jale bhase

Shrila Jiva spricht zu Lord Nityananda: "Wenn Du jemandem Deine Barmherzigkeit gibst, wird diese Person ohne Anstrengung die Lotosfüsse von Shri Gauranga erlangen, und so wird er in den Ozean reiner ekstatischer Liebe zu Shri Krishna geworfen." (Shri Navadvipa Dhama Mahatmya, 4. Kapitel)

 

Wir sehen, es gibt genügend Gründe, die Verehrung Shri Nityanandas und Shri Gaurangas zu fördern. Ja, im Grunde genommen sollte Ihre Verehrung und das Chanten Ihrer Namen «Nityananda-Gauranga» in den Vordergrund des Bewusstseins eines Vaishnava gerückt werden, damit der Dienst zu Shri Shri Radha-Krishna - das Chanten des Maha-mantra - frei von Vergehen und somit erfolgreich wird (durch die Frucht der Prema). Denn wir suchen den Ozean von Krishna-prema, wenn wir das Hare Krishna Maha-mantra chanten. Wer möchte also das Chanten Nityanandas und Gaurangas Namen verniedlichen, als unwichtig hinstellen oder gar verbieten?

Shri Nityananda Prabhu, der Adi-Guru, der ursprüngliche Guru aller Gottgeweihten, lässt in Seinen Unterweisungen keine Zweifel offen. Shrila Krishnadasa Kaviraja Goswami schreibt:

"Nityananda Prabhu bat jeden, Shri Caitanya zu dienen (caitanya seva), über Caitanya zu sprechen (caitanya gao), und immer Seinen Namen zu chanten (lao caitanya-nama). Nityananda Prabhu erklärte, daß derjenige, der Shri Caitanya Bhakti darbringt, sein Leben und seine Seele sei."
(Cc II,1.29)

"Auf diese Weise veranlaßte Nityananda Prabhu die Menschen Bhakti zu Shri Caitanya Mahaprabhu (caitanya-bhakti) anzunehmen. Obwohl sie gefallene Seelen und Lästerer waren, wurde jeder [durch diesen Vorgang] befreit."
(Cc II,1.30)


 

 

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